Mindelmedia News Ticker | Exklusiv-Analyse | Stand: 29. Januar 2026 | Lesezeit: 8 Minuten
Der 8-Stunden-Tag begrenzt die tägliche Arbeitszeit gesetzlich auf maximal acht Stunden. Er gilt seit 1918 in Deutschland und schützt Arbeitnehmer vor Überarbeitung. Die Bundesregierung plant nun, diese Regelung durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden zu ersetzen – Arbeitstage von bis zu 13 Stunden wären dann möglich.
- Das Bundeskabinett hat am 28. Januar 2026 die Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes beschlossen
- Statt täglicher Höchstarbeitszeit soll eine wöchentliche Obergrenze von 48 Stunden gelten
- Laut Hugo Sinzheimer Institut wären Arbeitstage von bis zu 12-13 Stunden legal möglich
- 72% der Beschäftigten wollen ihre Arbeitszeit auf maximal 8 Stunden begrenzen (DGB-Index 2025)
- Verdi-Chef Frank Werneke kündigt Kampf „in den Betrieben und auf der Straße“ an
- DGB-Kampagne „Mit Macht für die 8″ mobilisiert bundesweit gegen die Gesetzesänderung
Der 8-Stunden-Tag steht am 29. Januar 2026 vor seiner größten Bewährungsprobe seit über 100 Jahren. Was Generationen von Arbeitern erkämpft haben, will die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) grundlegend ändern. Wir erklären, was auf Millionen Beschäftigte zukommt und warum die Gewerkschaften jetzt mobil machen.
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Kabinettsbeschluss: Was plant die Regierung beim 8-Stunden-Tag?
Am 28. Januar 2026 hat das Bundeskabinett die neue nationale Tourismusstrategie verabschiedet. Der brisante Inhalt: Ein Passus zur Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes 2026, der weit über die Tourismusbranche hinausreicht. Christoph Ploß (CDU), Koordinator der Bundesregierung für Tourismus, kündigte gegenüber der Bild an, dass die Reform noch in diesem Jahr umgesetzt werden soll.
Der Plan im Detail: Die bisherige tägliche Höchstarbeitszeit von 8 Stunden (in Ausnahmefällen 10 Stunden) soll durch eine wöchentliche Obergrenze von 48 Stunden ersetzt werden. Die Regierung argumentiert, dies entspreche der EU-Arbeitszeitrichtlinie 2003/88/EG und schaffe mehr Flexibilität für Betriebe und Beschäftigte.
| Kriterium | Aktuelle Regelung | Geplante Änderung |
|---|---|---|
| Tägliche Höchstarbeitszeit | 8 Stunden (max. 10 mit Ausgleich) | Keine feste Grenze mehr |
| Wöchentliche Höchstarbeitszeit | 48 Stunden (60 mit Ausgleich) | 48 Stunden (Durchschnitt) |
| Maximaler Arbeitstag möglich | 10 Stunden | Bis zu 12-13 Stunden |
| Gesetzliche Grundlage | § 3 ArbZG | Wöchentliche Betrachtung |
Merz: „Ich würde das Arbeitszeitgesetz streichen“
Die Debatte eskalierte am 14. Januar 2026: Auf dem Neujahrsempfang der regionalen Wirtschaft in Halle (Saale) wurde Kanzler Friedrich Merz gefragt, welches Gesetz er streichen würde, um die deutsche Wirtschaft zu stützen. Seine Antwort sorgte für einen Sturm der Entrüstung: „Ich würde wahrscheinlich das Arbeitszeitgesetz streichen.“
Die CSU sekundiert dem Kanzler. Generalsekretär Martin Huber drängt auf eine schnelle Umsetzung der im Koalitionsvertrag vereinbarten Flexibilisierung – noch 2026. Ein erster Gesetzentwurf könnte bereits im ersten Quartal in den Bundestag eingebracht werden.
Gewerkschaften: „Wir kämpfen auf der Straße“
Die Reaktion der Arbeitnehmervertretungen fällt heftig aus. Verdi-Bundesvorsitzender Frank Werneke erklärte gegenüber der Bild: „Wir sind bereit, für den Erhalt des Arbeitszeitgesetzes zu kämpfen – in den Betrieben und auf der Straße. Durch die Pläne der Bundesregierung würde den Arbeitgebern gesetzlich ein Freibrief ausgestellt, um aus jetzt schon immer stärker belasteten und überlasteten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern das Letzte rauszuholen – ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Beschäftigten.“
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DGB-Chefin Yasmin Fahimi wirft Wirtschaftsministerin Katherina Reiche einen „Angriff auf humane Arbeitszeiten“ vor. Der DGB hat unter dem Motto „Mit Macht für die 8″ eine bundesweite Kampagne gestartet, die zum Widerstand gegen die Gesetzesänderung aufruft.
— Robert Feiger, Bundesvorsitzender IG Bauen-Agrar-Umwelt
DGB-Index 2025: Was wollen die Beschäftigten wirklich?
Der DGB-Index Gute Arbeit 2025 liefert klare Zahlen: 72 Prozent der Beschäftigten in Deutschland möchten ihre tägliche Arbeitszeit auf maximal 8 Stunden begrenzen. 98 Prozent wollen nicht länger als 10 Stunden arbeiten. Selbst von denjenigen, die den 8-Stunden-Tag regelmäßig überschreiten, würden 59 Prozent ihn gerne einhalten – wenn sie selbst entscheiden könnten.
Eine Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus 2025 zeigt zudem: 84 Prozent der Befragten meinen, eine gesetzliche Begrenzung der täglichen Arbeitszeit schütze vor Überarbeitung.
Gesundheitsrisiken: Warum der 8-Stunden-Tag so wichtig ist
Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) warnt vor gravierenden gesundheitlichen Folgen. Die wissenschaftlichen Fakten sind eindeutig:
- Unfallrisiko: Nach der achten Arbeitsstunde steigt das Unfallrisiko exponentiell – nach zwölf Stunden ist es doppelt so hoch
- Burnout-Gefahr: Lange Arbeitszeiten von 40 Stunden und mehr pro Woche führen nachweislich zu Schlafstörungen, Burnout und Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Produktivitätsverlust: Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) sinkt die Produktivität bei Wochenarbeitszeiten über 40 Stunden messbar
NGG-Vorsitzender Guido Zeitler bezeichnet die geplante Ausweitung als „Brandbeschleuniger für gesundheitliche Probleme und Fachkräfteschwund“. Gerade in Branchen mit Schichtarbeit, Personalmangel und hoher Arbeitsdichte wäre eine längere Arbeitszeit kontraproduktiv.
Die Geschichte des 8-Stunden-Tags: 100 Jahre erkämpft
Der 8-Stunden-Tag ist keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis eines über 100-jährigen Kampfes der Arbeiterbewegung. Der walisische Sozialreformer Robert Owen (1771–1858) prägte den legendären Slogan: „Acht Stunden arbeiten, acht Stunden schlafen und acht Stunden Freizeit und Erholung.“
📅 Meilensteine der Arbeitszeitbewegung (zum Aufklappen)
- 1866: Internationale Arbeiter Assoziation fordert unter Mitwirkung von Karl Marx die gesetzliche Einführung
- 15. November 1918: Stinnes-Legien-Abkommen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern
- 23. November 1918: Gesetzliche Einführung des 8-Stunden-Tags in Deutschland
- 1923: Faktische Aufweichung durch zahlreiche Ausnahmeregelungen
- 26. Januar 1946: Wiedereinführung durch Alliierten Kontrollrat nach dem Zweiten Weltkrieg
- 1956: DGB-Kampagne „Samstags gehört Vati mir“ für die 5-Tage-Woche
- 1994: Aktuelles Arbeitszeitgesetz tritt in Kraft
Welche Branchen würden profitieren?
Die Regierung verspricht sich von der Reform Vorteile für Branchen mit stark schwankenden Arbeitszeiten. Im Fokus stehen dabei die Digitalisierung und moderne Arbeitszeitmodelle in verschiedenen Sektoren:
| Branche | Argument der Befürworter | Kritik der Gewerkschaften |
|---|---|---|
| Gastgewerbe/Tourismus | Saisonspitzen besser abdecken | Prekäre Beschäftigung verschärft sich |
| Handwerk | Projektbezogene Arbeit flexibler | Gesundheitsrisiken bei Bauarbeitern |
| Logistik | Auftragsspitzen abfangen | Erhöhtes Unfallrisiko bei LKW-Fahrern |
| IT/Digitalwirtschaft | Projektarbeit und Homeoffice | Entgrenzung der Arbeitszeit |
EU-Arbeitszeitrichtlinie: Wie flexibel ist Europa wirklich?
Die Bundesregierung verweist auf die EU-Arbeitszeitrichtlinie 2003/88/EG, die eine maximale Wochenarbeitszeit von 48 Stunden im Durchschnitt vorsieht. Verdi kontert: Das geltende deutsche Arbeitszeitgesetz bietet bereits jetzt umfangreiche Flexibilisierungsmöglichkeiten.
Schon heute erlaubt das Gesetz: bis zu 10 Stunden tägliche Arbeitszeit mit Ausgleich, bis zu 60 Wochenstunden temporär möglich, Arbeit an 6 Werktagen pro Woche, 13 Tage Arbeit am Stück ohne freien Tag. Das Argument der Regierung, das Arbeitszeitgesetz sei zu starr, weist Verdi als „schlichtweg falsch“ zurück.
FAQ: Häufige Fragen zum 8-Stunden-Tag
Wird der 8-Stunden-Tag 2026 abgeschafft?
Die Bundesregierung plant, die tägliche Höchstarbeitszeit durch eine wöchentliche Obergrenze von 48 Stunden zu ersetzen. Ein Gesetzentwurf könnte im ersten Quartal 2026 eingebracht werden. Der 8-Stunden-Tag als feste Grenze würde damit fallen.
Wie lange dürfte ich dann täglich arbeiten?
Laut Hugo Sinzheimer Institut wären bei einer reinen Wochenhöchstarbeitszeit Arbeitstage von bis zu 12 Stunden und 15 Minuten möglich. Die EU-Arbeitszeitrichtlinie schreibt lediglich 11 Stunden Ruhezeit zwischen zwei Arbeitstagen vor.
Was sagen die Gewerkschaften zur geplanten Änderung?
DGB, Verdi, IG Metall und weitere Gewerkschaften lehnen die Reform entschieden ab. Sie warnen vor Gesundheitsrisiken, schlechterer Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie einem „Freibrief“ für Arbeitgeber. Der DGB hat die Kampagne „Mit Macht für die 8″ gestartet.
Kann mein Arbeitgeber mich zu 12-Stunden-Schichten zwingen?
Die Gewerkschaften befürchten genau das – besonders in Branchen ohne starke betriebliche Mitbestimmung. Die genaue Ausgestaltung der Reform soll im Dialog mit den Sozialpartnern erfolgen. Schutzmechanismen sind noch nicht definiert.
Seit wann gilt der 8-Stunden-Tag in Deutschland?
Der 8-Stunden-Tag wurde am 23. November 1918 gesetzlich eingeführt – als Ergebnis des Stinnes-Legien-Abkommens zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern nach der Novemberrevolution. Er gilt damit seit über 107 Jahren.
Informieren Sie sich bei Ihrem Betriebsrat oder Ihrer Gewerkschaft über die aktuellen Entwicklungen. Die DGB-Kampagne „Mit Macht für die 8″ bietet auf dgb.de Informationen und Mitmachmöglichkeiten. Bei geplanten Änderungen Ihrer Arbeitszeiten sollten Sie Ihre Rechte kennen und den Betriebsrat einbeziehen.
Fazit: Der Kampf um den 8-Stunden-Tag geht weiter
Der 8-Stunden-Tag steht vor seiner größten Bewährungsprobe seit seiner Einführung 1918. Während die Bundesregierung auf mehr Flexibilität für die Wirtschaft setzt, mobilisieren die Gewerkschaften für den Erhalt der historisch erkämpften Schutzrechte. Die kommenden Monate werden zeigen, ob sich der Widerstand der Arbeitnehmervertretungen durchsetzen kann – oder ob Deutschland tatsächlich den über 100 Jahre alten Grundsatz „Acht Stunden arbeiten, acht Stunden Freizeit, acht Stunden Schlaf“ aufgibt.
Bleiben Sie über mindelmedia-news.de immer auf dem Laufenden über die aktuellen Entwicklungen im Arbeitsrecht.
Die Redaktion von Mindelmedia News beobachtet und analysiert aktuelle wirtschafts- und sozialpolitische Entwicklungen in Deutschland. Für Arbeitsrechtsfragen konsultieren Sie bitte einen Fachanwalt oder Ihre Gewerkschaft.