Dass fast 70 Prozent der Menschen eine ähnliche Intelligenz aufweisen und der Anteil der Hochbegabten unter den Geschlechtern ungleich verteilt ist, sind zentrale Erkenntnisse der Intelligenzforschung. Elsbeth Stern, Professorin für Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich, plädiert im Gespräch für eine differenziertere Betrachtung der Bildungswege, insbesondere hinsichtlich des Gymnasiums.

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Kernpunkte
- Intelligenz ist messbar, aber soziale und emotionale Kompetenzen sind schwerer zu erfassen.
- Die Intelligenzverteilung zeigt keine Unterschiede im Mittelwert zwischen den Geschlechtern, aber Unterschiede in den Extremen.
- Elsbeth Stern kritisiert den Trend, dass die Hälfte der Schüler ein Gymnasium besuchen soll.
- Eine vielfältige Bildungslandschaft ist entscheidend, um individuellen Fähigkeiten gerecht zu werden.
Elsbeth Stern und die Frage der gymnasialen Bildung
Elsbeth Stern, eine anerkannte Expertin im Bereich der Intelligenzforschung und Lehr- und Lernforschung, hat sich kritisch zu der hohen Anzahl von Schülern geäußert, die ein Gymnasium besuchen. Sie argumentiert, dass es eine „Perversion“ sei, wenn fast die Hälfte der Schülerschaft für eine gymnasiale Ausbildung vorgesehen ist. Diese Aussage, die sie im Podcast „Die Boss – Macht ist weiblich“ äußerte, zielt darauf ab, eine breitere Debatte über die Bildungswege und die individuellen Fähigkeiten von Schülern anzustoßen.
Stern, die seit 2006 als Professorin an der ETH Zürich tätig ist, hat sich intensiv mit der Definition und Messbarkeit von Intelligenz auseinandergesetzt. Ihre Forschung konzentriert sich dabei primär auf die kognitive Intelligenz, die sie als wissenschaftlich messbar betrachtet. Im Gespräch mit Simone Menne, der Gastgeberin des Podcasts und Multi-Aufsichtsrätin, betonte Stern jedoch, dass soziale oder emotionale Kompetenzen in ihrer Forschung keine Rolle spielen, da die Messinstrumente in diesem Bereich nicht die gleiche Qualität aufweisen wie Intelligenztests.
Wie definiert Elsbeth Stern Intelligenz und warum konzentriert sie sich auf die kognitive Intelligenz?
Elsbeth Stern definiert Intelligenz primär als kognitive Fähigkeit, die durch standardisierte Tests messbar ist. Sie konzentriert sich auf diesen Aspekt, da die Instrumente zur Messung sozialer und emotionaler Intelligenz ihrer Ansicht nach nicht die gleiche wissenschaftliche Validität besitzen. Diese Fokussierung ermöglicht es ihr, präzise Daten über kognitive Fähigkeiten zu erheben und zu analysieren. (Lesen Sie auch: Hohes Gehalt Unzufrieden: Warum 6800 Euro nicht…)
Die Kritik an der Fokussierung auf kognitive Intelligenz ist jedoch nicht neu. Viele Pädagogen und Psychologen betonen die Bedeutung von sozialen und emotionalen Kompetenzen für den schulischen und beruflichen Erfolg. Es wird argumentiert, dass diese Fähigkeiten, obwohl schwerer messbar, entscheidend für die Entwicklung einer ganzheitlichen Persönlichkeit sind.
Die Verteilung der Intelligenz und Geschlechterunterschiede
Sterns Forschung zeigt, dass etwa 70 Prozent der Menschen eine durchschnittliche Intelligenz aufweisen. Die restlichen 30 Prozent verteilen sich auf über- und unterdurchschnittliche Intelligenz, wobei jeweils 15 Prozent über bzw. unter dem Durchschnitt liegen. Interessanterweise gibt es im Mittelwert keine signifikanten Unterschiede in der Intelligenzverteilung zwischen den Geschlechtern. Allerdings zeigen sich Unterschiede in den Extremen: In den unteren und oberen Bereichen der Intelligenzskala sind mehr Männer vertreten als Frauen. „Man findet Unterschiede immer noch in den Extremen. Es gibt mehr Männer in den unteren Bereichen und auch ganz oben gibt es klar mehr Männer. Also unter den Hochbegabten ist die Verteilung nicht mehr 50/50, sondern sie nimmt zunehmend ab. Aber zu betonen ist, dass es auch in den höchsten Bereichen immer noch Frauen gibt“, so Stern im Podcast.
Diese Erkenntnisse sind wichtig, um stereotype Vorstellungen von Intelligenz und Geschlecht zu hinterfragen. Es ist entscheidend zu betonen, dass es auch in den höchsten Bereichen der Intelligenz immer noch Frauen gibt und dass die Unterschiede in den Extremen nicht bedeuten, dass ein Geschlecht generell intelligenter ist als das andere.
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Die Kritik an der gymnasialen Bildung für alle
Ein zentraler Punkt von Sterns Kritik ist der Anspruch vieler Eltern, ihr Kind als überdurchschnittlich intelligent einzustufen und ihm unbedingt eine gymnasiale Ausbildung ermöglichen zu wollen. Sie sieht darin eine Fehlentwicklung, da das Gymnasium nicht für jeden Schüler die beste Wahl ist. Stern plädiert für eine vielfältigere Bildungslandschaft, die den unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen der Schüler gerecht wird. (Lesen Sie auch: DB Cargo Stellenabbau: Gewerkschaft will Kampf Aufnehmen)
Die hohe Anzahl von Schülern, die das Gymnasium besuchen, führt laut Stern zu einer Überlastung der Schulen und einer Absenkung des Niveaus. Zudem werden Schüler, die möglicherweise in anderen Bildungsbereichen besser aufgehoben wären, in ein System gezwungen, das ihren Bedürfnissen nicht entspricht. Dies kann zu Frustration, Überforderung und letztendlich zu einem Abbruch der Ausbildung führen.
In Deutschland besuchen laut Statistischem Bundesamt rund 40 Prozent eines Jahrgangs ein Gymnasium (Stand 2022). Dieser Wert ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen, was die Debatte um die Sinnhaftigkeit einer gymnasialen Ausbildung für alle weiter anheizt.
Die Bedeutung einer vielfältigen Bildungslandschaft
Statt einer einseitigen Fokussierung auf das Gymnasium fordert Stern eine stärkere Berücksichtigung anderer Bildungswege, wie beispielsweise die duale Ausbildung oder berufsbildende Schulen. Diese bieten Schülern die Möglichkeit, ihre praktischen Fähigkeiten zu entwickeln und frühzeitig in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Eine duale Ausbildung kombiniert theoretisches Wissen mit praktischer Erfahrung und ermöglicht es den Auszubildenden, sich optimal auf ihren späteren Beruf vorzubereiten.
Zudem betont Stern die Bedeutung einer individuellen Förderung der Schüler. Nicht jeder Schüler lernt auf die gleiche Weise oder im gleichen Tempo. Eine individuelle Förderung berücksichtigt die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler und ermöglicht es ihnen, ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Dies kann beispielsweise durch differenzierte Lernangebote, Förderkurse oder individuelle Lernpläne geschehen. (Lesen Sie auch: Vermögensungleichheit Auswirkungen: Krieg oder Revolution?)
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Die Rolle der Eltern und Lehrer
Auch Eltern und Lehrer spielen eine entscheidende Rolle bei der Wahl des richtigen Bildungswegs für ihre Kinder bzw. Schüler. Es ist wichtig, dass sie die individuellen Fähigkeiten und Interessen der Kinder bzw. Schüler berücksichtigen und sie nicht zu einer gymnasialen Ausbildung drängen, wenn diese nicht ihren Neigungen entspricht. Eine offene Kommunikation zwischen Eltern, Lehrern und Schülern ist dabei unerlässlich.

Lehrer sollten in der Lage sein, die Stärken und Schwächen ihrer Schüler zu erkennen und sie entsprechend zu fördern. Sie sollten auch über die verschiedenen Bildungswege informieren und den Schülern bei der Wahl des richtigen Wegs helfen. Eltern sollten ihren Kindern bei der Entscheidungsfindung unterstützen und ihnen die Möglichkeit geben, ihre eigenen Interessen zu verfolgen.
Welche Rolle spielen Intelligenztests bei der Wahl des Bildungsweges und wie können sie sinnvoll eingesetzt werden?
Intelligenztests können bei der Wahl des Bildungsweges eine unterstützende Rolle spielen, sollten aber nicht das alleinige Entscheidungskriterium sein. Sie können Hinweise auf die kognitiven Fähigkeiten eines Schülers geben, aber auch andere Faktoren wie Motivation, Interessen und soziale Kompetenzen sind von Bedeutung. Eine umfassende Beratung durch Lehrer und Berufsberater ist daher unerlässlich.
Ausblick: Die Zukunft der Bildungslandschaft
Die Debatte um die gymnasiale Bildung für alle wird in den kommenden Jahren sicherlich weitergehen. Es ist zu hoffen, dass die Politik und die Bildungsbehörden die Kritik von Experten wie Elsbeth Stern ernst nehmen und eine vielfältigere und individuellere Bildungslandschaft schaffen. Eine solche Bildungslandschaft würde den unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen der Schüler gerecht und ihnen die Möglichkeit geben, ihr volles Potenzial auszuschöpfen. (Lesen Sie auch: Deutsche Bahn Rolltreppen Probleme Legen Bahnhöfe Lahm)
Die Thesen von Elsbeth Stern, wie sie im Stern-Podcast „Die Boss“ dargelegt wurden, bieten wertvolle Denkanstöße für eine zukunftsorientierte Bildungspolitik. Eine differenzierte Betrachtung der Bildungswege und eine stärkere Berücksichtigung der individuellen Fähigkeiten der Schüler sind entscheidend, um eine erfolgreiche und gerechte Bildungslandschaft zu gestalten. Die Frage, ob das elsbeth stern gymnasium oder ein anderer Bildungsweg der richtige ist, sollte stets im Einzelfall und unter Berücksichtigung aller relevanten Faktoren entschieden werden. Eine vielfältige Bildungslandschaft, die den unterschiedlichen Bedürfnissen der Schüler gerecht wird, ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Zukunft.
Ein Vergleich verschiedener Bildungssysteme zeigt, dass Deutschland noch Nachholbedarf bei der Individualisierung des Lernens hat.
Ursprünglich berichtet von: Stern
