Die Europäische Union steht an einem Scheideweg. Angesichts wachsender globaler Handelsungleichgewichte und wirtschaftlicher Abhängigkeiten plant die EU-Kommission eine Offensive zur Stärkung der eigenen Industrie. Kern dieser Strategie ist die Idee, öffentliche Gelder gezielt an Unternehmen zu vergeben, die einen Beitrag zur europäischen Produktion leisten. Doch wie wird dieser Plan in der Wirtschaft aufgenommen und welche Auswirkungen sind zu erwarten?

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Das Wichtigste in Kürze
- EU-Kommissar will „Made in Europe“ als Bedingung für öffentliche Gelder etablieren.
- Unternehmen sollen einen wesentlichen Teil ihrer Produktion in Europa erbringen, um gefördert zu werden.
- Über 1.000 Wirtschafts- und Gewerkschaftsführer unterstützen die Initiative.
- EU-Gipfel soll sich mit der Stärkung des Binnenmarkts und der Wettbewerbsfähigkeit befassen.
- Kritiker warnen vor Protektionismus und negativen Auswirkungen auf den Wettbewerb.
Die Vision: Ein starkes „Made in Europe“
EU-Industriekommissar Stéphane Séjourné hat eine klare Vision: Die Etablierung eines starken „Made in Europe“-Labels, das für Qualität, Innovation und europäische Arbeitsplätze steht. Sein Vorschlag, die Vergabe öffentlicher Gelder an die Bedingung zu knüpfen, dass Unternehmen einen wesentlichen Teil ihrer Produktion in Europa erbringen, zielt darauf ab, strategische Industrien zu stärken und die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu verringern. In einem Gastbeitrag, der in mehreren europäischen Medien veröffentlicht wurde, argumentiert Séjourné, dass europäische Steuergelder in erster Linie der europäischen Wirtschaft und den europäischen Bürgern zugutekommen sollten.
Die Idee dahinter ist einfach: Wenn Unternehmen von öffentlichen Ausschreibungen, direkten staatlichen Beihilfen oder anderen Formen finanzieller Unterstützung profitieren wollen, müssen sie einen signifikanten Beitrag zur Wertschöpfung in Europa leisten. Dies soll nicht nur die heimische Produktion ankurbeln, sondern auch hochwertige Arbeitsplätze schaffen und die technologische Souveränität der EU sichern. Die gleiche Logik soll laut Séjourné auch auf ausländische Direktinvestitionen angewendet werden. Investoren, die in strategische Sektoren der EU investieren wollen, sollen ebenfalls dazu angehalten werden, einen Teil ihrer Produktion oder Forschung und Entwicklung in Europa anzusiedeln.
„Made in Europe“ im globalen Wettbewerb
Séjourné betont, dass viele Wirtschaftsmächte ihren eigenen strategischen Sektoren den Vorzug geben. Er verweist auf die „America first“-Politik des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump, der Waren aus vielen Ländern mit Zöllen belegte, um die heimische Industrie zu schützen. Auch andere Länder verfolgen ähnliche Strategien, um ihre Unternehmen im globalen Wettbewerb zu stärken. Vor diesem Hintergrund argumentiert Séjourné, dass die EU nicht länger zögern dürfe, ihre eigenen Interessen zu verteidigen und ihre strategischen Industrien zu fördern. Die Etablierung eines starken „Made in Europe“-Labels sei ein notwendiger Schritt, um die Wettbewerbsfähigkeit der EU zu sichern und die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu verringern. (Lesen Sie auch: Umweltfreundlich verpacken leicht gemacht)
Strategische Industrien umfassen Bereiche wie Halbleiter, Batterien, erneuerbare Energien, Pharmazeutika und Verteidigung. Diese Sektoren sind von entscheidender Bedeutung für die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Unabhängigkeit der EU.
Unterstützung aus der Wirtschaft und von Gewerkschaften
Séjournés Initiative findet breite Unterstützung in der europäischen Wirtschaft und bei den Gewerkschaften. Sein Gastbeitrag wurde von mehr als 1.000 europäischen Wirtschafts- und Gewerkschaftsführern mitunterzeichnet, darunter namhafte Vertreter aus Deutschland wie Markus Heyn, Geschäftsführer bei Bosch, Marie Jaronie, CEO von Thyssenkrupp Steel Europe, und Michael Brecht, Gesamtbetriebsratschef bei Daimler Truck. Diese Unterstützung zeigt, dass viele Unternehmen und Arbeitnehmer die Notwendigkeit einer Stärkung der europäischen Industrie erkennen und bereit sind, einen Beitrag dazu zu leisten. Die Befürworter argumentieren, dass ein starkes „Made in Europe“ nicht nur die heimische Produktion ankurbeln, sondern auch hochwertige Arbeitsplätze schaffen und die Innovationskraft der EU stärken kann.
Kritik und Bedenken
Trotz der breiten Unterstützung gibt es auch Kritik an der „Made in Europe“-Initiative. Kritiker warnen vor Protektionismus und negativen Auswirkungen auf den Wettbewerb. Sie argumentieren, dass eine Bevorzugung europäischer Unternehmen bei der Vergabe öffentlicher Gelder zu höheren Preisen und einer geringeren Auswahl für die Verbraucher führen könnte. Darüber hinaus befürchten sie, dass andere Länder mit ähnlichen Maßnahmen reagieren könnten, was zu einem Handelskrieg und einer Schwächung der globalen Wirtschaft führen würde. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Definition von „Made in Europe“ unklar sei. Es sei schwer zu bestimmen, welcher Anteil der Produktion in Europa erbracht werden muss, um als „europäisch“ zu gelten. Eine zu strenge Definition könnte dazu führen, dass viele Unternehmen von öffentlichen Aufträgen ausgeschlossen werden, auch wenn sie einen wesentlichen Beitrag zur europäischen Wirtschaft leisten.
Die Herausforderungen der Umsetzung
Die Umsetzung der „Made in Europe“-Initiative birgt eine Reihe von Herausforderungen. Eine der größten Herausforderungen ist die Sicherstellung, dass die Maßnahmen mit den Regeln des Binnenmarkts und den internationalen Handelsabkommen der EU vereinbar sind. Es gilt, einen fairen Wettbewerb zu gewährleisten und gleichzeitig die strategischen Interessen der EU zu schützen. Eine weitere Herausforderung ist die Schaffung eines transparenten und effizienten Vergabeverfahrens für öffentliche Gelder. Es muss sichergestellt werden, dass die Mittel gezielt und wirksam eingesetzt werden, um die europäische Produktion und die Schaffung hochwertiger Arbeitsplätze zu fördern. Schließlich ist es wichtig, die Auswirkungen der „Made in Europe“-Initiative auf die europäische Wirtschaft und die globalen Handelsbeziehungen kontinuierlich zu überwachen und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen.
Europäische Industrie: Eine Chronologie
Die EWG legte den Grundstein für einen gemeinsamen Markt und die Förderung des Handels zwischen den Mitgliedsstaaten.
Der Binnenmarkt schaffte Hindernisse für den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen innerhalb der EU ab.
Die Finanzkrise führte zu einer Rezession in vielen europäischen Ländern und offenbarte Schwächen in der europäischen Wirtschaft.

Die Pandemie unterbrach globale Lieferketten und verdeutlichte die Abhängigkeit der EU von ausländischen Lieferanten in strategischen Sektoren.
Die EU-Kommission plant, die Vergabe öffentlicher Gelder an die Bedingung zu knüpfen, dass Unternehmen einen Beitrag zur europäischen Produktion leisten.
Weiterführende Informationen
Für weitere Informationen zu diesem Thema empfehlen wir folgende vertrauenswürdige Quellen:
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was bedeutet „Made in Europe“ genau?
Die genaue Definition ist noch nicht festgelegt, aber im Kern bedeutet „Made in Europe“, dass ein wesentlicher Teil der Produktion eines Produkts oder einer Dienstleistung in Europa erbracht wird. Dies kann die Herstellung von Komponenten, die Montage oder die Forschung und Entwicklung umfassen.
Welche Branchen sollen von der „Made in Europe“-Initiative profitieren?
Die Initiative zielt vor allem auf strategische Industrien ab, wie z.B. Halbleiter, Batterien, erneuerbare Energien, Pharmazeutika und Verteidigung. Diese Sektoren sind von entscheidender Bedeutung für die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Unabhängigkeit der EU.
Wird die „Made in Europe“-Initiative zu höheren Preisen für Verbraucher führen?
Es besteht die Möglichkeit, dass die Bevorzugung europäischer Unternehmen bei der Vergabe öffentlicher Gelder zu höheren Preisen führen könnte. Dies hängt jedoch von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. dem Wettbewerb innerhalb des europäischen Marktes und der Effizienz der europäischen Produktion.
Ist die „Made in Europe“-Initiative mit den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) vereinbar?
Die Vereinbarkeit mit den WTO-Regeln ist ein wichtiger Aspekt bei der Umsetzung der Initiative. Die EU muss sicherstellen, dass die Maßnahmen nicht diskriminierend sind und den internationalen Handelsverpflichtungen entsprechen.
Wie können Unternehmen von der „Made in Europe“-Initiative profitieren?
Unternehmen, die einen wesentlichen Beitrag zur europäischen Produktion leisten, können von öffentlichen Aufträgen, direkten staatlichen Beihilfen und anderen Formen finanzieller Unterstützung profitieren. Es ist wichtig, sich über die spezifischen Vergabekriterien und -verfahren zu informieren.
Fazit
Die „Made in Europe“-Initiative ist ein ehrgeiziges Projekt, das darauf abzielt, die europäische Industrie zu stärken und die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu verringern. Die Idee, öffentliche Gelder gezielt an Unternehmen zu vergeben, die einen Beitrag zur europäischen Produktion leisten, ist grundsätzlich sinnvoll. Es gilt jedoch, die Herausforderungen der Umsetzung zu meistern und sicherzustellen, dass die Maßnahmen mit den Regeln des Binnenmarkts und den internationalen Handelsabkommen vereinbar sind. Nur so kann die „Made in Europe“-Initiative zu einem Erfolg werden und einen nachhaltigen Beitrag zur Stärkung der europäischen Wirtschaft leisten. Die Zukunft wird zeigen, ob die Vision eines starken „Made in Europe“ Realität werden kann.
