Der Kirchenstreit Bern hat sich zugespitzt, nachdem die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde in Bern beschlossen hat, die Russisch-Orthodoxe Gemeinde aus ihren Räumlichkeiten zu verweisen. Diese Entscheidung beendet eine 80-jährige friedliche Koexistenz und führt nun zu einer juristischen Auseinandersetzung.

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Die wichtigsten Fakten
- 80 Jahre friedliche Koexistenz zwischen Lutheranern und Russisch-Orthodoxen in Bern beendet.
- Lutheraner kündigen den Mietvertrag der Russisch-Orthodoxen.
- Grund für die Kündigung ist der Ukraine-Krieg und die Haltung des Moskauer Patriarchats.
- Gerichtliche Auseinandersetzung droht.
Kirchenstreit Bern: Wie kam es zur Eskalation?
Die Eskalation des Kirchenstreits in Bern ist eine direkte Folge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine. Die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde begründet ihren Entschluss, den Mietvertrag mit der Russisch-Orthodoxen Gemeinde zu kündigen, mit der fehlenden Distanzierung des Moskauer Patriarchats vom Krieg. Diese Haltung sei mit ihren Werten unvereinbar.
Die langjährige friedliche Nutzung der Räumlichkeiten in der Berner Altstadt durch beide Konfessionen fand somit ein abruptes Ende. Wie Blick berichtet, sehen sich die Kirchen nun vor Gericht.
Die Hintergründe der langjährigen Koexistenz
Über acht Jahrzehnte teilten sich die Evangelisch-Lutherische und die Russisch-Orthodoxe Gemeinde in Bern friedlich ein Kirchengebäude. Diese ungewöhnliche Konstellation war ein Zeichen der Ökumene und des gegenseitigen Respekts. Die lutherische Gemeinde stellte den orthodoxen Gläubigen ihre Kirche für Gottesdienste zur Verfügung, eine Praxis, die in der Schweiz Seltenheitswert hatte.
Diese Kooperation basierte auf einem Mietverhältnis, das nun von der lutherischen Seite aufgekündigt wurde. Die Entscheidung fiel schwer, doch die Ereignisse in der Ukraine und die fehlende Verurteilung durch die russische Kirchenführung machten eine Fortsetzung der Zusammenarbeit unmöglich, so die Begründung. (Lesen Sie auch: Massenschlägerei Zürich: 20-Jähriger Verletzt – Was Geschah?)
Das Moskauer Patriarchat steht seit Beginn des Ukraine-Kriegs in der Kritik, da es sich nicht eindeutig von der russischen Invasion distanziert hat. Patriarch Kirill, das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche, gilt als enger Vertrauter von Präsident Putin.
Die Reaktion der Russisch-Orthodoxen Gemeinde
Die Russisch-Orthodoxe Gemeinde in Bern zeigte sich überrascht und enttäuscht über die Kündigung des Mietvertrags. Sie betont, dass ihre Gemeinde politisch neutral sei und sich auf die religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder konzentriere. Die Gemeinde bedauert, dass die politischen Spannungen nun auch das Verhältnis zwischen den beiden Kirchen belasten.
Die orthodoxe Gemeinde hat angekündigt, rechtliche Schritte gegen die Kündigung einzuleiten. Sie argumentiert, dass die Kündigung unrechtmäßig sei und gegen die Prinzipien der Religionsfreiheit verstoße. Nun muss ein Gericht entscheiden, ob die Kündigung rechtens ist.
Die Situation ist heikel, da sie nicht nur das Verhältnis zwischen den beiden Gemeinden, sondern auch die ökumenische Bewegung in der Schweiz insgesamt belastet. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Situation entwickelt und ob eine einvernehmliche Lösung gefunden werden kann.
Welche Rolle spielt der Ukraine-Krieg?
Der Ukraine-Krieg ist der unmittelbare Auslöser für den Kirchenstreit in Bern. Die lutherische Gemeinde argumentiert, dass die fehlende Distanzierung des Moskauer Patriarchats vom Krieg eine Fortsetzung der Zusammenarbeit unmöglich mache. Die Haltung des Patriarchats wird als Unterstützung des russischen Angriffskriegs interpretiert, was mit den christlichen Werten der lutherischen Gemeinde unvereinbar sei. (Lesen Sie auch: Fabrikantenvilla Windisch: Traumlage oder Preishammer an der…)
Die Entscheidung der lutherischen Gemeinde ist somit auch als ein politisches Statement zu verstehen. Sie will ein Zeichen gegen den Krieg und die Unterstützung durch die russische Kirche setzen. Dies hat jedoch zur Folge, dass die langjährige friedliche Koexistenz mit der Russisch-Orthodoxen Gemeinde in Bern beendet wurde.
Die Schweizer Regierung hat sich bisher nicht direkt zu dem Fall geäußert, betont aber die Bedeutung der Religionsfreiheit und des Dialogs zwischen den Konfessionen.
Wie geht es weiter mit dem Kirchengebäude?
Die Zukunft des Kirchengebäudes in Bern ist ungewiss. Sollte die Russisch-Orthodoxe Gemeinde vor Gericht unterliegen, muss sie sich nach neuen Räumlichkeiten umsehen. Die lutherische Gemeinde könnte das Gebäude dann wieder ausschließlich für ihre eigenen Gottesdienste nutzen oder es einer anderen religiösen Gemeinschaft zur Verfügung stellen.
Es ist auch denkbar, dass die beiden Gemeinden eine Einigung erzielen und die Kooperation in einer anderen Form fortsetzen. Dies würde jedoch eine klare Distanzierung der Russisch-Orthodoxen Gemeinde vom Ukraine-Krieg und eine Verurteilung der russischen Aggression voraussetzen.

SRF berichtet regelmäßig über das Thema Religionsfreiheit in der Schweiz und die damit verbundenen Herausforderungen. (Lesen Sie auch: Nachruf Guido Zäch: Ein Leben für Chancen…)
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Auslöser für den Kirchenstreit in Bern?
Der unmittelbare Auslöser ist der russische Angriffskrieg auf die Ukraine und die fehlende Distanzierung des Moskauer Patriarchats von diesem Krieg. Die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde sieht darin eine Unterstützung der russischen Aggression.
Wie lange bestand die friedliche Koexistenz der Gemeinden?
Die Evangelisch-Lutherische und die Russisch-Orthodoxe Gemeinde teilten sich über 80 Jahre lang friedlich ein Kirchengebäude in Bern. Diese lange Zusammenarbeit war ein Zeichen der Ökumene.
Welche Konsequenzen hat die Kündigung des Mietvertrags?
Die Russisch-Orthodoxe Gemeinde muss sich möglicherweise nach neuen Räumlichkeiten umsehen. Zudem belastet der Streit die ökumenische Bewegung in der Schweiz und das Verhältnis zwischen den beiden Konfessionen. (Lesen Sie auch: Schweizer Abstimmungskampf: Illusion des Zusammenhalts?)
Welche Haltung vertritt die Russisch-Orthodoxe Gemeinde?
Die Gemeinde betont ihre politische Neutralität und konzentriert sich auf die religiösen Bedürfnisse ihrer Mitglieder. Sie bedauert die Belastung des Verhältnisses durch die politischen Spannungen und hat rechtliche Schritte eingeleitet.
Wie könnte eine Lösung des Streits aussehen?
Eine mögliche Lösung wäre eine Einigung zwischen den Gemeinden, die jedoch eine klare Distanzierung der Russisch-Orthodoxen Gemeinde vom Ukraine-Krieg voraussetzen würde. Andernfalls muss ein Gericht über die Rechtmäßigkeit der Kündigung entscheiden.
Der Kirchenstreit in Bern zeigt, wie politische Konflikte auch religiöse Gemeinschaften beeinflussen können. Die Entscheidung der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde, die Russisch-Orthodoxe Gemeinde aus ihren Räumlichkeiten zu verweisen, ist ein drastischer Schritt, der die langjährige friedliche Koexistenz beendet. Es bleibt zu hoffen, dass die beteiligten Parteien eine Lösung finden, die den Prinzipien der Religionsfreiheit und des gegenseitigen Respekts gerecht wird.





